9. Woher kommen die Fehler? (Fragen zu Interferenz, Muttersprachen und Fehlerdeutung)

9.01 "Gestern bin ich mit dem Zug nach Zürich gegangen." – Viele Fehler in der Lernersprache entstehen durch Interferenz, sei es der Muttersprache oder einer anderen, vorher erlernten Fremdsprache. Auch dieser Satz ist mit einiger Sicherheit als Interferenz zu erklären, da der semantische Unterschied zwischen GEHEN und FAHREN sich nur in relativ wenigen Sprachen in unterschiedlichen Wörtern niederschlägt. Welche der nachfolgend genannten Sprachen verwenden wie Deutsch zwei unterschiedliche Wörter für diese Tätigkeiten?

1) Englisch, Französisch und Türkisch
2) Spanisch und Italienisch
3) Russisch

 

9.02 Die unterschiedliche Bildung des Perfekts mit SEIN oder HABEN gehört zu den geläufigsten Problemen für Deutsch Lernende, zumal bei weitem nicht alle Muttersprachen eine ähnliche Unterscheidung kennen – von den hier aufgeführten sechs z. B. nur zwei. Welche sind es?

1) Französisch und Italienisch
2) Englisch und Russisch
3) Spanisch und Türkisch

 

9.03 "In Deutschland regnet immer", sagt ein Student. Wenn wir diesen Fehler überhaupt aufgreifen wollen, ist eine Hypothese darüber nützlich, ob es sich um Interferenz handeln dürfte oder um eine schlichte "Vereinfachung" der deutschen Grammatik. Die meisten Sprachen folgen bei solchen Wetter-Aussagen einem von drei Mustern:

a Unpersönliches Pronomen plus Verb ("Es regnet")

b Verb ohne Subjekt ("In Deutschland regnet immer")

c Substantiv plus Verb (etwa "Regen fällt", "Regen regnet" oder "Regen geht")

Von den folgenden neun Sprachen entfallen auf jeden Typus drei. Wie würden Sie sie zuordnen?

Typ a)
1) Italienisch, Spanisch, Portugiesisch
2) Französisch, Englisch, Holländisch
3) Russisch, Türkisch, Japanisch

Typ b)
1) Italienisch, Spanisch, Portugiesisch
2) Französisch, Englisch, Holländisch
3) Russisch, Türkisch, Japanisch

Typ c)
1) Italienisch, Spanisch, Portugiesisch
2) Französisch, Englisch, Holländisch
3) Russisch, Türkisch, Japanisch

 

9.04 Für die höfliche Anrede verwenden die meisten Sprachen keine eigenständige Form – wie ja auch Deutsch dafür das Pronomen und die Verbform der 3. Person Plural verwendet: "Sind Sie noch hier?". (Groß- und Kleinschreibung vernachlässigen wir mal.) Wie würden Sie die folgenden Sprachen den vier darunter aufgeführten Gruppen zuordnen?

(1) Dänisch und Norwegisch
(2) Italienisch und Spanisch
(3) Englisch und Arabisch
(4) Türkisch und Französisch

(a) ...verwenden die 2. Person Singular, d.h. sie haben keine gesonderte Höflichkeitsform.
(b) ...verwenden die 3. Person Singular.
(c) ...verwenden die 2. Person Plural.
(d) ...verwenden wie Deutsch die 3. Person Plural.

1a)
1b)
1c)
1d)
2a)
2b)
2c)
2d)

3a)
3b)
3c)
3d)
4a)
4b)
4c)
4d)

9.05 Häufigste Fehlerquelle neben den muttersprachlichen Interferenzen ist die Übergeneralisierung von Regelmäßigkeiten der Zielsprache. Entscheiden Sie, bei welchen zwei der hier zitierten fehlerhaften Sätze eine Übergeneralisierung als Fehlerursache in Frage kommt, m.a.W. bei welchen man hinter dem Fehler eine Regel des Deutschen entdecken kann – oder ob man doch Interferenz wird vermuten müssen.

1) Er möchtet auch so ein Paar.
2) Sie reitete durch das Dorf zurück.
3) Ich jetzt spendiere viel Zeit lernen Deutsch.
4) Sie passiert alle die Tage in seine Hause.
5) Diese Straße kann nicht fahren.

 

9.06 Interferenz oder andere Fehlerursachen? Finden Sie zu jeder der aufgeführten fehlerhaften Äußerungen in der Liste darunter eine mögliche Fehlerursache? (Benutzen Sie jede Fehlerursache nur einmal.)

a) *Habst Du keine Zeit?
b) *In Frankfurk gibt es eine Oper.
c) *Die Leute in Deutschland sind nett und verfügbar.
d) *In Konstanz du canst gut essen.
e) *Guten Tag, wie gehs.

(1) Falsche Schreibung wohl aufgrund falscher Aussprache
(2) Flüchtigkeitsfehler (Verschreiben)
(3) Übergeneralisierung
(4) Im Wörterbuch das falsche Übersetzungsäquivalent gewählt
(5) Interferenz

a-1
a-2
a-3
a-4
a-5
b-1
b-2
b-3
b-4
b-5
c-1
c-2
c-3
c-4
c-5
d-1
d-2
d-3
d-4
d-5
e-1
e-2
e-3
e-4
e-5

9.07 Ordnen sie die folgenden, von der Standardaussprache abweichenden Verbformen der 3. Person Singular je einer plausiblen Erklärung zu. (Jede der angebotenen Erklärungen sollte genau einmal benutzt werden.)

(1) <kommt> /kont/
(2) <kommt> /komp/
(3) <kann> /kant/
(4) <kann> /kent/

(a) lexikalischer Fehler (falsches Wort)
(b) progressive Assimilation
(c) regressive Assimilation
(d) morpholog. Fehler (falsche Endung)

1a)
1b)
1c)
1d)
2a)
2b)
2c)
2c)
3a)
3b)
3c)
3d)
4a)
4b)
4c)
4d)

 

9.08 Beim Verfassen freier Texte benutzen die Studenten naturgemäß ihre Wörterbücher. Welche Wörter sie dort nachschlagen, gibt uns Lehrern Anhaltspunkte dafür, was ihnen (zumindest nach ihrem subjektiven Eindruck) an Ausdrucksmitteln im Deutschen noch fehlt. Wir sehen hier also immer wieder Stellen, an denen anzusetzen sich lohnt. Entdecken Sie in dem folgenden Text von einem Studenten aus Hong Kong 3 solche Wörter, die mit großer Wahrscheinlichkeit direkt aus einem Wörterbuch stammen?

" Kassel ist im Mitte von Deutschland. Obgleich ist Kassel nicht sehr größ, aber Kassel ist größer als Konstanz. Es gibt einen Straßenbahn und zwei Bahnhof. Unglücklich, es gibt in Kassel ein Krieg von 1939 bis 1945. Die Krieg heißt der zweite Weltkrieg. Die Zentrum von Kassel war zerstören zu dieser Zeit. Umher Sehenswürdigkeiten, es gibt in Kassel ein Galerie, es gibt viel Museum und gibt es auch zwei Park."

 

9.09 Eine große Rolle bei Worteinführungen im Fremdsprachen-Unterricht spielen Annahmen darüber, welche Wörter auch ohne spezielle Erklärung als verständlich vorausgesetzt werden können ("Internationalismen"). Zu diesen wird man z.B. Wörter wie RESTAURANT, BÜRO, PASS und MOTOR rechnen. Allerdings benutzen nicht alle Sprachen in gleichem Maße solche Internationalismen! In einer der folgenden Sprachen sind z.B. alle Äquivalente der genannten Begriffe lautlich so weit entfernt von dem deutschen Wort, dass man ein spontanes Verstehen nicht voraussetzen kann. Welche ist es wohl?

1) Italienisch
2) Neugriechisch
3) Türkisch
4) Englisch
5) Französisch
6) Spanisch
7) Russisch
8) Portugiesisch

9.10 "Was habe ich gemacht, in Palästina, in Sommer? Also, wie in Deutschland, die großte Ferien fur Studenten ist in Sommer: drei Monate. Und ich habe/ wir haben – also ich und meine Familie – ein Land; neben mein Stadt; und das Land gehört... äh... uns. Also neben meine Stadt, groß groß groß Land for die Leute in mein Stadt und die anderen; viel Land, nicht Berge: man kann ((zeigt: pflügen)). Und dann wir haben ein/ zwei Häuser, also fur uns ein Haus und... fur mein... Vater... äh... Bruder auch/ fur mein Onkel. Und in Sommer ich geh nach diesen/ nach dieses Haus fur ein Monat oder eineinhalb Monat mit mein Cousin und äh... ich bleibe da und... was mache ich da: Das ist keine Kino und kein Restaurant auch: nur sprechen und... und... am Nacht es ist sehr schön, oder am Nachmittag wir gehen spazieren... fur zwei Kilometer oder drei Kilometer, am Länder..." (Schrägstriche stehen für Abbrüche und Selbstkorrekturen, die Punkte für kurze Pausen.)

Als Lehrer neigen wir dazu, mehr auf die Fehler unserer Studenten zu achten als auf das, was sie schon können. Schauen Sie sich das Transkript an und machen Sie eine Strichliste zu den Konjugationsendungen im Präsens: Wie oft sind die Formen richtig?

1) 0-5
2) 6-10
3) 11-15
4) 16-20
5) 21-25

 

9.11 Noch etwas schwieriger ist es, Lernprozesse einzuschätzen. Lesen Sie das folgende Transkript und kreuzen Sie dann an, welche der aufgeführten grammatischen Kategorien dieser Student

"Nein, ich hab am Restaurant nicht gegessen am Wochenende. Ich hab spazierengegang/ gegangen, in die Wald... am Freitag... für zwei oder drei Stunden... neben die Uni. Und äh... ich hab auch die erst Mal gekocht... allein... und... ich hab viel gegessen. Zu Hause. Und... ah: Ich hab ein bisschen Deutsch gelernt. Und ich hab jeden Abend fernsehen, und ich hab ein bisschen geschlaft: nur an zwei Tagen elf oder zwölf Stunden, und das ist nicht zuviel. Ist das speziell am Wochenende: Man will/ man möch/ man will viel schlafen. Aber ich hab nicht. Weil ich hab Batman, das Film Batman gesehen; und ich hab Michael Jackson gesehen... in TiVi... bis zwei Uhr, oder halb zwei/ halb drei! Und... ich hab Indra und Ann getroffen. Indra, sie war mit dem Fahrrad... mit sei/ mit ihrem Mann... und... ihre... Tochter – ich weiß nicht: Ist sie dein Tochter? ((Indra nickt.)) Und ich hab Ann getroffen. – Okay: Indra, bist du in die Kneipe gewesen? – Ah: KNEIPE? Kennst du nicht was ist KNEIPE? KNEIPE ist ein... Bar..."

 

erworben

unsicher

nicht erworben

Dass es einen Dativ gibt

Wann man ihn gebraucht

Wie er gebildet wird (Formen)

Perfekt = Hilfsverb + Partizip II

Wie das Partizip II gebildet wird

Die Stellung des Partizips


9.12 "Es wäre leichter, ob ich konnte gut Deutsch sprechen." / "Wenn kommt Lena auch, ich weiß es nicht." / "Wann ich in Finnland bin, kann ich wieder jeden Tag mit Freunde sprechen."

Sie kennen selbst solche Beispiele zur Genüge – die Verwendung von OB, WENN, WANN und ALS ist für die meisten Deutsch Lernenden schwierig. Natürlich liegt das daran, dass die Funktion dieser Wörter nicht in einem 1:1-Verhältnis zu der ihrer Übersetzungen in den Ausgangssprachen steht. Das ergibt sich schon daraus, dass die Funktionen unserer vier Wörter in vielen anderen Sprachen von nur zwei Wörtern abgedeckt werden. Die Grenzen zwischen diesen Funktionen sind für die anderen Sprachen, etwas vereinfachend, schon in die Tabelle eingezeichnet. Wie müsste die Spalte für Deutsch am ehesten aussehen?

Französ.

Russisch

Englisch

Deutsch ?

Italien.

Span.

Indirekte Entscheidungsfragen

si

jesli

whether

 

se

si

Konditionalsätze
(Bedingungssätze)

if

Temporale Nebensätze
(Gegenwart und Zukunft)

quand

kogda

when

quando

cuando

Temporale Nebensätze
(Vergangenheit)

Fragewort für Fragen nach dem Zeitpunkt

1 2 3 4 5
ob
ob
ob
ob
wenn
wenn
wenn
wenn
ob
als
wenn
wann
als
als
als
als
wann
wann
wann
wann
wann


 

 

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